Samstag, 9. Februar 2008

Mit dem Knüppel gegen die Bauern

Von Georg Blume

In China ist ein neuer Kampf um Grund und Boden entbrannt. Schlägertrupps vertreiben Bauern von ihren Feldern, damit Unternehmen die Rohstoffe ausbeuten können. In der Provinz Anhui wagt ein Dorf den Widerstand

Luji/Provinz Anhui
Die Gesichtszüge der Bäuerin Wang Shen* sind so fein, dass sie nichts von der Härte ihrer täglichen Feldarbeit, aber alles über ihren aufgeregten Seelenzustand verraten. Wang Shen – 30 Jahre, blauer Arbeitskittel – ist außer sich. Jeder Schritt, jedes Wort gräbt eine neue Falte in ihr Antlitz. Sie rennt hin und her durch ihre winzige Lehmhütte, streift mit ihren stumpfen Fingernägeln nervös die Kante des alten Bauerntisches. Er ist ihr einziges Möbelstück. Ihr Fußboden ist aus Erde. Aus ihren Lehmwänden sprießt Stroh. Ihre Kochstelle besteht aus einem kniehohen Gaskocher auf je zwei verkreuzten Blechstangen. Die Nachbarn sind gekommen, drängen sich in ihre Hütte. Erst sind es zehn, dann zwanzig, am Ende ist kein Fußbreit mehr Platz. Lauter grimmige Gesichter. Sie starren auf Wang Shen, teilen ihre Wut und Verzweiflung.

Wang Shen erzählt vom dritten Montag des Mondjahres, vom 20. Februar. Ihr Mann Lu Xiaoming hatte gegen 2 Uhr per Handy einen Hilferuf von Bauern auf dem Dalao-Berg erhalten. Auf dem Berg, der dem Dorf Luji gehört, hatten Bergarbeiter an diesem Tag ohne Erlaubnis des Dorfes mit Grabungen begonnen. Sofort machten sich Lu Xiaoming und 17 andere Dörfler mit Auto und Trecker auf den Weg. Die fünf Bauern im Auto erreichten den Berg zuerst. Oben erwarteten sie 150 Bergarbeiter in blauen Overalls vor Baggern und Baumaschinen. Es waren junge Wanderarbeiter aus fernen Provinzen. Sie trugen gelbe und rote Helme und hielten meterlange, faustdicke Holzstangen in den Händen. Bei ihnen stand der Chef des Bergbauunternehmens Jianshan, der Generalmanager Fan. Auf Fans Zeichen schlugen die Arbeiter los, zerrten die Bauern aus dem Auto und schlugen mit den Knüppeln auf sie ein. Als Lu Xiaoming auf dem Trecker die Szene erreichte, wollte er mit seinem Handy die Polizei rufen. Fan rief: »Er hat ein Handy. Holt ihn!« Da rissen die Arbeiter Lu Xiaoming und die übrigen Bauern vom Trecker und prügelten auf sie ein, bis sie bewusstlos und mit gebrochenen Knochen im Matsch lagen. Nur einer von ihnen konnte fliehen und alarmierte das Dorf. Mit Greisen, Frauen und Kindern stürmte bald ganz Luji die Straße zum Berg hinauf. Dort hatten die Arbeiter einen tiefen Graben durch die Straße gebaggert. Damit blockierten sie die Dorfbewohner – und feierten hinter dem Graben ein Böllerfest. Die Böller hatte Generalmanager Fan mitgebracht. Um die Bauern zusätzlich zu ärgern. Die Polizei aber schaute zu, griff nicht ein und wartete drei Stunden bis zur Bergung der Opfer. Die lagen so lange unversorgt zwischen den feiernden Arbeitern auf dem Boden. 17 Bauern wurden verletzt, fünf von ihnen schwer, darunter Lu Xiaoming. Womöglich wird er nie wieder die schwere körperliche Arbeit auf Hof und Feld verrichten können. »Dabei wusste niemand, warum wir von den Arbeitern überhaupt verprügelt wurden«, ruft Wang Shen, bricht in Tränen aus und bahnt sich mühsam einen Weg durch die umstehenden Bauern aus der Hütte.

Peking verkündet den schönen neuen Dorfsozialismus

Anschließend übernehmen die Männer des Dorfes das Wort. Sie wissen: Niemand darf über ihre Klagen berichten. Sie unterlaufen die Zensur der Kommunistischen Partei, ganz besonders in dieser Woche, in der der Volkskongress in Peking tagt.

Das Scheinparlament dient der KP-Regierung jedes Jahr im März zur Präsentation ihres Programms. Und in diesem Jahr sind die Bauern dran. »Neue sozialistische Dörfer aufzubauen ist eine von der 5. Plenartagung des 16. Zentralkomitees der Partei gestellte wichtige historische Aufgabe«, verkündete Premierminister Wen Jiabao in stolzem Parteichinesisch zur Eröffnung des Kongresses. Gleich siebenmal tauchte sie in seiner Regierungserklärung auf. Keine andere Forderung war ihm so wichtig. Weil der Premier weiß, wie schlecht es Chinas 800 Millionen Bauern heute geht. Weil er weiß, dass sie die Mehrheit seines Volkes bilden und trotzdem die Verlierer der kommunistischen Wachstumspolitik sind, in Elend und Unrecht leben. Nun will die Partei endlich mehr Geld an die Bauern verteilen. Wie früher unter Mao Tse-tung ihre Schulbildung und Krankenversorgung abdecken. Aber trotzdem – oder gerade deswegen – darf die Welt von den Problemen auf dem Land nichts erfahren. Nachrichten über verprügelte Bauern würden nur die Propaganda vom schönen neuen Dorfsozialismus stören.

Allesia Olivone

SchwarzwiedieNacht

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